Keiner hat das Recht zu gehorchen!

Synagoge Vöhl (2026)

Text, Regie & Bühne: Stephan Rumphorst
Dramaturgische Begleitung: Karl-Heinz Stadtler
mit SchülerInnen der Ederseelschule Herzhausen
Photos: Marco Landau

Theaterstück im Rahmen des Projekts: Der Vergangenheit eine Stimme für die Zukunft geben – gefördert durch das Netzwerk für Toleranz Waldeck – Frankenberg

Aus Freunden werden Feinde: das Stück skizziert den Lebensweg des Vöhler Juden Max Mildenberg.

Premiere 27. Februar 2026, weitere Vorstellungen 28.2. / 1.3. Synagoge Vöhl

Pressestimmen

"Es gibt Momente, in denen Kunst nicht nur berührt, sondern verwandelt. In denen ein Raum, eine Geschichte und die Menschen, die sie erzählen, zu etwas werden, das tiefer geht als gewöhnliche Theaterabende. So war es in der Vöhler Synagoge – einem Ort, der wie kaum ein anderer vom Gestern erzählt und das Heute mahnt. Eigentlich begleite ich als Fotograf Konzerte, fröhliche Begegnungen, lebendige Musik. Doch schon vor einigen Wochen hatte mich ein Theaterstück in Kassel unerwartet tief bewegt. Als ich nun zufällig von einer Theateraufführung – diesmal in der Vöhler Synagoge – las und bemerkte, dass mir vertraute Menschen daran beteiligt waren, wusste ich: Dieses Stück muss ich sehen. Das Thema schien zunächst schwer, vielleicht sogar „zu oft gehört“: die Verfolgung jüdischer Mitbürger. Ist darüber nicht schon alles gesagt? Kommt es nicht ständig im Fernsehen? Doch gerade diese Gedanken sind es, die uns spüren lassen, wie wichtig Erinnern ist. Wie notwendig es bleibt, den Geschichten Raum zu geben – nicht aus Pflicht, sondern aus Verantwortung. Mit unvergleichlicher Sachkenntnis und Empathie führte Karl-Heinz Stadtler in das historische Vöhl ein. Er ist ein wandelndes Archiv jüdischen Lebens – und jemand, dem man stundenlang zuhören möchte. Seine Worte bildeten den Boden, auf dem die jungen Akteurinnen und Akteure der Edertalschule Herzhausen ihr Spiel entfalteten.

Was diese Schülerinnen und Schüler leisteten, war weit mehr als eine Schulaufführung. Sie brachten das jüdische Vöhl zurück an diesen authentischen Ort. Unter der einfühlsamen Inszenierung von Stephan Rumphorst und begleitet von der Stimme und dem Klavierspiel der Liedermacherin Beate Lambert entstand ein intensives Zusammenspiel aus Geschichte, Gegenwart und Haltung.

Die jungen Darstellerinnen und Darsteller schafften es, das Publikum in einen Bann zu ziehen, der noch lange nachhallt. Gänsehaut, Stille, Schmunzeln, Nachdenklichkeit – ein Wechselbad der Gefühle, getragen von der Kraft des Ortes und der Echtheit ihrer Darbietung. Und als am Ende Fragen gestellt werden konnten, war spürbar: Dieser Abend hat etwas in Bewegung gesetzt."

(Marco Landau)

„ Die Darstellung ging unter die Haut: Schon in den Schülervorstellungen herrschte eine aufmerksame Spannung. Und auch nach der Vorstellung waren viele der jungen Zuschauer betroffen. Sie gaben an, „Dinge erfahren“ zu haben, die ihnen bisher nicht bewusst gewesen seinen. Beim Zuschauen hatte man das Gefühl, live Zeuge dieser Geschichte zu sein, die so ähnlich vor Jahrzehnten Wirklichkeit war: Wie aus dem angesagtesten Typen des Orts nach und nach ein Hassobjekt wurde, weil er Jude war. Wie Klaus im Stück immer eifersüchtiger auf Max wird, weil sein bester Freund besser in Sport ist, sich ein teures Auto leisten kann, scheinbar seine „Flamme“ abwerben will Aber auch die schon Jahrhunderte vor der Nazizeit bestehenden „Gerüchte über die Juden“ (Adorno) wurden sichtbar, etwa in den Kommentaren, als Max‘ künftige, protestantische Ehefrau Marieluise (Stella Hilber-Küthe) ihrer Mutter (Selina Görzen) von ihren Heiratsplänen erzählt. Oder Klaus‘ Vater (Luis Störmer) zu dem Erfolg von Klaus: „Diese Juden! (…) Da kannst Du mir erzählen, was Du willst, da ist doch irgendwas faul!“. Da kam wenig Widerstand, als schon 1935 das „Gesetz zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“ (Nürn berger Gesetze) in Kraft trat, dass auch im Theaterstück ein drucksvoll und wortwörtlich „von oben“ (der Empore) pro klamiert wurde.
Imponierend zeigten die jungen Schauspielerinnen und Schauspieler den folgenden Schmerz und die Verwirrung auch der Vöhler Juden, die doch Deutsche waren, und nun (wieder mal) „die Anderen“. Andersartigkeit als Vorwand: Dieses absurde Denken verdeutlichte Beate Lambert, die die Aufführung am Klavier begleitete, unter anderem mit dem Lied „An allem sind die Juden schuld“, des deutschen und jüdischen Komponisten Friedrich Hollaender.

In einer Szene berieten die verbliebenen Vöhler Juden, ob sie die Synagoge verkaufen sollten, weil kaum noch Juden im Ort lebten. Da wurde einem beim Zusehen schockartig bewusst: Das war nicht irgendein Haus, sondern das Gebäude, in dem gerade diese Szene spielte.
Und dann die Erkenntnis: Es geht im Grunde gerade nicht nur um etwas, was „damals“
war, sondern um Grundsätzliches: Was machst denn du, wenn heute jemand in deinem direkten Umfeld gemobbt, verleumdet und misshandelt wird? Hilfst du oder schaust du weg?
Dass ein Mensch auch in autoritären Systemen noch Entscheidungsfreiheit hat, zeigte nicht nur im Theaterstück Max‘ heldenhafte Ehefrau Marieluise: Sie unterstützte ihren Mann, als er im KZ Buchenwald war, hielt trotz Berufsverbot und Zwangsscheidung zu ihm und seiner Familie, bereitete die gemeinsame Flucht vor. Nach dem Sieg über die Nazis nahm sie wieder seinen Familiennamen an. Die echte Marieluise lebte bis 1975 in Vöhl. Max wurde 1942 in Auschwitz ermordet.“

(Waldecker Landeszeitung, Astrid Rau)